Tag 3 - Hohen-hässlich-hausen

Etwas später nimmt die lebendig erzählte Theorie des Dr. D. langsam Gestalt an. Mein erstes (und letztes) Foto von Hohenschönhausen zeigt ein Stück Himmel hinter Mauer und Stacheldraht.



Zunächst wird aber gegessen: für die Vegetarier eine merkwürdig weiche Frühlingsrolle, dazu Kartoffeln und das gleiche (nicht das selbe) Gemüse wie am Tag davor in der Bayerischen Botschaft (Möhren und Brokkoli), das alles in einer essbaren Senfsoße. Essbar, nicht deliziös! Aber wir sind satt geworden. Gegessen wird in einer riesigen Kantine, mit Plastiktischdecke und Holzvertäfelung überall, ähnlich wie in der Normannenstraße. Fenster, die aussehen, als würden ihnen die Scheiben gleich wie Schuppen aus den Angeln fallen. Später sagt G.: DDR, wie sie leibte und lebte.

Schließlich schauen wir einen Film über das Stasi-Gefängnis Höhenschönhausen an. Das Gebäude war zunächst ein sowjetisches Internierungslager, dann ein Untersuchungsgefängnis. Irgendwann vorher ist es auch mal eine Großküche gewesen, der Film berichtet noch über einen Kellertrakt, genannt "Das U-Boot". Im Filmsaal hängen Beiträge zu einem Plakatwettbewerb mit dem Thema "grenzen-los! 50 Jahre Mauerbau". Und ich muss hier einfach welche mit reinnehmen, weil die mir so gut gefallen.









Ja, ich merke schon, das nimmt hier ziemlich viel Platz weg, aber ich find sie einfach toll!

Nach dem Film erwartet uns Zeitzeuge M. B., der am Rande erwähnt, dass er selbst mal in Hohenschönhausen inhaftiert war. Er rollt die Geschichte von hinten auf und zeigt uns erst die zuletz genutzen Gebäudeteile: Das Stasi-Gefängnis, das auf keiner Landkarte eingezeichnet war, von dessen Existenz kaum jemand wusste, ja nicht einmal die Wachposten wussten, was sich hinter den Mauern, die sie bewachten, abspielte. Niemals wurde ein Häftling über den Hof geführt. Gefangenentransporte waren mit "Blumen Meier", "Reinigungsunternehmen Folck" oder "Frischfisch" getarnt. "Frischfisch" benutzte man später nicht mehr, denn die einzige Frage über das Gefängis, die aus der Bevölkerung kam, war die nach dem frischen Fisch, der zwar überall herumgefahren wurde, den es aber in der DDR gar nicht gab.

Im Gefängnis saßen Zeugen Jehovas, Systemkritiker, Verdächtige, Unverdächtige, Streikführer, Kommunisten, entführte Westler, Dissidenten, Schriftsteller, Leute, die ausreisen wollten usw. Hingekommen waren sie nach einer ein- bis zweistündigen Fahrt, die der Desorientierung diente. Der direkte Weg hätte nur ungefähr fünfzehn Minuten gedauert. M. B. wusste 16 Jahre lang nicht, wo er eigentlich während seiner Haft gewesen war. Erst bei einer Führung durch Hohenschönhausen erkannte er durch Zufall die Räumlichkeiten.


Auch hier wurden Szenen aus "Das Leben der Anderen" gedreht. Die Leine an der Wand ist eine "vollautomatische sowjetische High-Tech-Alarmanlage" - berühren und Verbindung trennen. Durch die roten Leuchten wussten die Wärter immer, dass noch jemand auf dem Gang war und konnten Begegnungen zwischen Häftlingen verhindern.

Die Taktik der Stasi bestand in Zerrüttung, Psychologie, Zermürbung, kurz: Kaputt-Machung von Menschen. Mir scheint, die DDR war in erster Linie dazu da, um ihre Gegner zu beseitigen. Das war die wichtigste Aufgabe. Das ist Quatsch, hanebüchen, paradox! Kaum vorzustellen. Und M. B., der noch mit 15 fest daran glaubte, dass der Westen schlecht und feindlich ist, wollte ein Jahr später so dringend raus aus dem Land, dass er freiwillig ins Gefängnis ging. "Naja, legal auswandan jing nich, illegal wollte ick ooch nich, man hat ja noch kurz vor Mauerfall die letzten beiden Flüchtlinge tot ausm Fluss jefischt, also watt machste? Ick bin eenfach anne Grenze jegang und sagte ick möchte ausreisn. Is ja klar, dat die mich da nich eenfach so durchlassen - so, hier junger Mann, jehn se ma rüber, viel Spass auch im Westen. Nee, ick hatte jehört, datt die Bundesrepublik Unschuldije ausm Jefängnis freikauft. Dann hab ick dett versucht."

Im Verhörzimmer erzählt er weiter: Man begann nun mit der systematischen Zerstörung seines Egos. Erstmal wusste er natürlich nicht, wo er war. Dann setzte man ihm sogar noch einen taktisch und psychologisch klug ausgewählten Verhörer vor die Nase, der genau nach seinem Geschmack ermittelt wurde. Schließlich machte man seine ganze Familie schlecht: Großeltern, Schwester, Bruder, Mutter... bis nur noch eine Bezugsperson übrig war: der Vater. Der kam, wedelte mit einem Zettel (irgendwas mit Schuld und Nicht-Ausreisen) und sagte: "Entweder du unterschreibst das oder du bist nicht mehr mein Sohn." In diesem Moment würgt es mich. M. B. hat nicht unterschrieben. Er wurde freigekauft und kam in den Westen. Nach dem Mauerfall wollte er seinen Vater nochmal sehen. "Der war aber mittlerweile jestorben. Den hab ich also nicht mehr jesehen." Hier kämpfe ich mit Tränen und Gänsehaut. "Ach, und vorher hatte er mick noch enterbt. So, und jetzt jehn wa ma weiter. Und ich will hier nich so betrübte Jesichter sehen. Det macht sonst keenen Spass, dat janze zu erzählen!"

Über die Stasi kann man viel lesen. Über die Opfer auch. Aber man darf sie nicht alle über einen Kamm scheren. Die ganze Geschichte müsste eigentlich in Milliarden und Abermilliarden individuelle Teilchen zersprengt werden, um sie wirklich aufzunehmen. Aber so viel passt in ein langweiliges Geschichtsbuch gar nicht rein.

Wenn man sichs genau überlegt, ist der ganze Scheiß erst 18 Jahre her. Wir sind unschuldig, und auch wenn Mama sagt, allein wegen Hitler müsste sich jeder Deutsche schon sein ganzes Leben lang seiner Herkunft schämen, bin ich überzeugt davon, dass man unsere Generation weder irgendwie verantwortlich machen noch mit Geschichte verunsichern kann. Aber frühere Verhörer sind heute Anwälte oder Politiker. Und darüber wissen die meisten viel zu wenig.



Manche kaufen sich Erlebnisberichte, das Landei kauft sich einen Gedichtband von einem, der auch verhört und schlißlich ausgebürgert wurde. Sehr sehr toll! Außerdem ist "Die wunderbaren Jahre" zu empfehlen, Miniprosa zum Thema DDR.

5.10.07 16:44

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