Tag 3 - Normannenstraße

Auf der Programmübersicht steht Thema: ehemalige DDR. Erstmal komme ich fünf Minuten zu spät zum Bus. WELTUNTERGANG. Um neun Uhr zwängt sich der Bus rückwärts (!) in eine Parklücke der Gedenkstätte Normannenstraße.


wiederzuerkennen in "Das Leben der Anderen"

Wir steigen aus und warten, umringt von grauen Hochhäusern, die im Viereck auf uns zu zu kommen scheinen, aber doch weit genug weg sind, damit wir das Geschehen hinter den Gardinen nicht erahnen könne. erster Eindruck: trist notiere ich auf einem Notizzettel, denn ich muss einen Beitrag für den Jahresbericht schreiben, den G. für ein großartiges Geschenk hält und jedem, der mit unserer Gruppe irgendwie in Berührung kommt, ein Exemplar von letztem Jahr in die Hand drückt.

Eine Frau kommt über den Hof gelaufen, ich schnappe Wortfetzen wie "nicht mit Ihnen gerechnet", "unvorbereitet", "erstmal sehen, was wir mit Ihnen anfangen" auf.

Wir warten.

Schließlich kommt ein Mann in einem viel zu bunten, wild gemusterten Hippie-Shirt, mit niedergeschlagener Körperhaltung, raucht noch schnell eine und dann dürfen wir rein. Dr. D. scheint aufgelöst und nervös und erzählt uns als allererstes, warum: In das Dokumentationszentrum wurde vergangene Nacht eingebrochen und Abhörtechnik gestohlen. Ich frage mich, was man damit wohl noch anfangen könnte, und vier Tage später spricht es G. im Unterricht nochmal an: Es scheint noch immer "Linientreue" zu geben, Befürworter des damaligen Regimes, die auch heute noch versuchen, Tatsachen zu vertuschen, um ein falsches Bild von einem Regierungssystem aufrechtzuerhalten, das noch bis zum heutigen Tag Fragen aufwirft und in dessen Folge überraschende bis erschreckende Schicksale entdeckt werden.

Dr. D. beginnt mit Witzen.

Frau Schmidt und Frau Müller treffen sich auf dem Gang. "Ach", sagt Frau Schmidt, "ich hab gehört, Ihr Mann ist jetzt bei der Stasi." "Ja", sagt Frau Müller. Darauf Frau Schmidt: "Na, da soll man ja auch ganz schön was vedienen." "Ja", antwortet Frau Müller, "hab ich auch schon gehört." Frau Schmidt: "Ja, und wie gefällts ihm denn da so?" Frau Müller: "Schwer zu sagen. Sie haben ihn heute morgen erst abgeholt."

Lachen oder nicht lachen? Dr. D. scheint begeistert und erzählt noch mehr Witze, sitzt kurz auf dem Tageslichtprojektor-Tischchen, das sich unter ihm gefährlich biegt und quietscht, steht auf, schlendert nach rechts und links, setzt sich kurz, zupft am Ärmel, steht wieder auf. Erzählt Witze, von seiner Tochter, seiner Kindheit. Wie und auf welchen "rechfertigenden" Grundlagen die DDR gegründet wurde. Spricht über wissenschaftlich fundierte Kriminalität. Über Eingriffe in Geschichte und Erziehung. Über Abhörmethoden, staatliches Mobbing, Lenin ("der größte Schurke überhaupt"), Stalin, Honecker. Dann führt er uns durch die Stasi-Büros. Braun und kantig und eklig. "Überall Asbest.", höre ich eine Stimme aus meinem inneren Off sagen.



Ein Polizist sichert währenddessen Spuren an einem alten Telefonapparat.

160 Kilometer Akten. Von den etwa 200 Kilometern der gesamten Weltgeschichte, wenn ich mich recht erinnere. Die Geruchsproben, die ich schon aus "Das Leben der Anderen" kenne. Und an den Wänden Fotos von Demonstrationen wütender, kaputter Menschen und Grafitti-Schriftzügen aus dem Zeitraum zwischen Mauerfall und Wiedervereinigung. Und wie geht das jetzt mit Sandmännchen und Spreewaldgurken zusammen? Dieser ganze Psychoterror, der Menschen wie Dr. D. ganz bewusst gebrochen hat, mit ausgeklügelten Methoden, ausgeübt von hochintelligenten Leuten, ganz ohne physische Gewalt.

3.10.07 11:41

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